Liebe Freunde des Nachdenkens,
dies ist ein sehr persönliches Essay zu den Geschehnissen in unserer alltäglichen realen Welt.
Der gestrige Tag war ein Tag, der bei mir, mit seinen Ereignissen, ein persönliches Spannungsfeld erzeugte. Der Tag lässt mich darüber nachdenken, ob es nicht besser ist, der Gesellschaft in ihrer Verrohung den Rücken zu kehren und den Fluchtweg ins Private anzutreten oder weiter zu machen, um eine Verbesserung oder Veränderung zu bewirken.
Wenn ich die These aufstelle, dass wir in einer 80/20 Gesellschaft leben, also in einer Gesellschaft leben, in der es 20% der Gesellschaftsteilnehmer sehr gut geht, sie abgesichert und sorglos in die Zukunft blicken und 80% die Lasten der Sorglosen tragen, unzufrieden sind und ungesichert leben. Dann frage ich mich, ob wir nicht auch in einer 80/20 Gesellschaft leben, in der sich 20% die Frage stellen, warum die Gesellschaft sich so entwickelt, wie sie sich gerade entwickelt und welche Lösungsstrategien es vermeintlich noch geben könnte. 80% jedoch stellen die Frage nicht, negieren und fügen sich der Mehrheit – sie denken schlichtweg gar nicht über die Fragen nach, die wir uns gerade in diesem Forum stellen.
Es ist der tiefe Schlaf der Schläfrigen, denen sich…
die Nachdenker stellen. Aber wollen die Schläfrigen wirklich geweckt werden?
Die Geschichte, die mich veranlasst dieses zu hinterfragen trug sich am gestrigen Tage zu.
Wie an jedem Tag benutzte ich die Straßen/U-Bahn für meinen Heimweg.
An der Umsteigehaltestelle, geschah folgendes:
Ich wurde einer Gruppe Jugendlicher/Kinder gewahr, die offensichtlich in einer verbalen Auseinandersetzung mit einem Mann (mittleres Alters) verstrickt waren, da dies nichts ungewöhnliches in der heutigen Zeit darstellt, wendete ich mich zunächst ab. Aus dem Augenwickel heraus, registrierte ich jedoch, dass einer der männlichen Jugendlichen mit den Fäusten einen Angriff gegen den Kopf des Mannes startet. Jedoch fühlte er sich offenbar beobachtet, da er bemerkte, dass ich mich langsam dem Tatgeschehen näherte. Ich stellte mich neben den Mann. Die verbalen Attacken gingen zwar weiter, aber die körperlichen Drohgebärden verstummten zunächst.
Als die Bahn kam stiegen wir alle zusammen ein. Der männliche jugendliche Aggressor startete erneut einen Faustschlag – im Rücken des Mitfahrers – gezielt Richtung Kopf und hielt wenige Zentimeter vor dem Hinterhaupt inne. Die jugendliche Bagage nahm in den Sitzen gegenüber dem Mann und mir Platz. Ich sprach den Mann an, ob die Jugendlichen zu ihm gehören würden. Nein das täten sie zum Glück nicht. Daraufhin geriet ich in den Fokus der Bande. Es mischte sich ein kleiner Zwerg noch mit ein, der verbal attackierte, er überschüttete mich mit beleidigenden Bemerkungen, darauf hin bat ich ihn ruhig zu sein, dies nahm der andere zum Anlass aufzuspringen mit Faustschlägen und angedeuteten Tritten mir gegenüber zu demonstrieren, dass er mächtiger sei. Ich drohte natürlich damit die Polizei zu benachrichtigen. Dieser Einwand überzeugte sie überhaupt nicht, ließ sie nicht einhalten. Die Situation eskalierte, die Bedrohungen mir gegenüber nahmen zu, ich sah mich mit wechselhaften Gesten wie Faustschlägen und Tritten bedroht. Daraufhin schrie ich laut durch die Bahn um Hilfe. Es näherte sich unverzüglich ein Mann, der mit ruhiger Stimme, aber sehr bestimmt die Situation zunächst deeskalierte. Hieraufhin fühlte sich ein weiblicher Fahrgast veranlasst sich umzudrehen und zu laut mir zuzuschreien, ich sollte nicht so hysterisch brüllen. Darauf erwiderte ich: „Ich lasse mich nicht totschlagen wie in München.“ Zunächst Schweigen. Dann Lachen von den Jugendlichen und weiteres Provozieren, weitere Drohgebärden. Der Rest der Mitfahrenden schwieg.
Der eigentlich Angegriffene (Mann mittleren Alters) stieg an der nächsten Haltestelle wortlos aus. Ich stand also dem Mob alleine gegenüber.
Daraufhin begab ich mich zu dem Mann, der vorher beherzt eingegriffen hatte. Nicht ohne, dass im Vorbeigehen an der jugendlichen Bande mir eindeutige Drohungen ausgesprochen wurden. Man stiege ja auch gleich aus und dann: die Fäuste trafen sich in der Luft.
Ich erklärte nun meinen Helfer, dass ich mich gar nicht traute gleich auszusteigen, da ich alleine sei, und diese Bande die Vorkommnisse sicher nicht so stehen lassen würde.
Er versicherte mir, ich könne ruhig aussteigen, er würde an der Haltestelle ebenfalls die Bahn verlassen.
So stiegen wir aus. Die zwei Hauptprotagonisten passten mich ab und holten zum Schlag gegen meinen Hinterkopf aus. Jedoch, was keiner wusste, handelte es sich bei dem rettenden Helfer um einen Polizeibeamten in Zivil, der in Richtung Arbeitsstätte unterwegs war. Die U-Bahnhaltestelle liegt unmittelbar neben der Polizeistation. Er hielt die beiden fest. Ich verständigte seine Kollegen über Notruf, diese kamen 50 Sekunden später mit 3 Wagen angefahren.
Das übliche Prozedere begann, natürlich logen die Beiden, dass sich die Balken bogen und sie quasi die Unschuld Christi seien. Zudem stellte es sich heraus, dass das eine Früchten erst 12 Jahre und der andere nicht viel älter war (obwohl 2 Köpfe größer als meine Wenigkeit). Jedoch versicherte mir die Polizei, dass es sich hierbei um zwei „stadtbekannte Größen ihres Alters“ handelte. Will meinen: Kinder mit Vorgeschichte.
Diese Geschichte hat mich in erheblichen Maße irritiert und traumatisiert, da ich mit Geschehnissen dieser Art nicht vertraut bin. Die Vollendung der körperlichen Gewalt hat nicht stattgefunden, bedingt durch das beherzte Eingreifen eines Mannes, der sich schon von Berufswegen dazu bewogen fühlt einzugreifen. Die schweigende Masse in der U-Bahn hat abgewartet, vielleicht hat so mancher noch gedacht, nun schlag doch endlich zu. Ein unerwarteter unterhaltsamer Event am Nachmittag.
Natürlich steht mir ein Verfahren bevor, das nichts bringen wird, außer das ich Zeit und Gefühle investiere.
Auch habe ich mir die Frage gestellt, ob es nicht falsch war, mich in den Konflikt „einzumischen“. Aber angesichts der Bedrohung, die ich gegenüber dem Mann ausgehend von den jugendlichen Protagonisten empfunden habe, sah ich es als meine menschliche Pflicht an, dem Mann an die Seite zu eilen und ihn nicht allein dieser Gewalt ausgesetzt zu lassen. Das ich mit heiler Haut – außer mit dem Verlust des Sicherheitsgefühl und der Entscheidung nicht mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren- davongekommen bin, ist reines Glück und Zufall.
Dennoch veranlasste mich diese Geschichte in der vergangenen Nacht darüber nachzudenken, ob es in der 80/20 Gesellschaft überhaupt irgendeinen Sinn macht, weiterhin nach Auswegen zu suchen.
Unvermutet bin ich mit der Überzeugung aufgewacht: Jetzt erst recht.
Die Verrohung unserer Gesellschaft, die Gleichgültigkeit, das Weggucken werden wir mit einem erhöhten Sicherheitsapparat bezahlen müssen in Zukunft. Die Gewalt ist keine gefühlte Zunahme, sie ist keine zufällige Begebenheit, die jemanden passiert, sondern sie ist existent. Die Ursachen sind vielfältig. Als die Opfer von Winnenden sich in einem offenen Brief darüber aussprachen und anmahnten, dass auch Killerspiele und medial inszenierte Gewaltakte die Gewalttoleranz der Kinder und Jugendliche beeinflusst, schallte ein riesiger Empörungsschrei durch die Gesellschaft, die nicht bereit ist, diese Ursachen auch hier zu suchen. Dennoch Kinder suchen sich Identifikationsmuster und wird ihnen dieses im Elternhaus und in den Gruppen in denen sie verkehren nicht vorgelebt, dann sind mit Sicherheit auch hier Ursachen zu suchen. Die Bereitschaft zur Gewalt, die Respektlosigkeit gegenüber Leben hat den Alltag eines jeden erreicht. Der Mord an Dominik Brunner ist aus dem Fokus der Öffentlichkeit gewichen, die Opfer der Amokläufe sind vergessen, zu groß ist die Sucht nach täglich neuen Meldungen und weiteren Katastrophen. Konsequenzen erfolgen nicht. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe hätten zumindest das Recht, diesen jugendlichen Delinquenten das Recht abzusprechen für eine weitere Mitfahrt in der Bahn, wenn sie ihr Hausrecht aussprechen würden. Ob weitere Strafverfolgungen etwas ausrichten würden, weiß ich nicht. Aber wenn die Gesellschaft bemüht wäre der Verrohung ins Auge zu blicken, Konsequenzen zu ziehen und nicht nur herumlamentiert, dann ändert sich etwas. Das Verleugnen, das Zerreden ist eine Akzeptanz der Gewalt.
Ich kann nichts anderes als meine kleine Geschichte weiterzugeben, zu mahnen und mir Maßnahmen zu überlegen, wie man Gewalt, die angewendet wird, sichtbar zu machen.
Fazit: Zu meiner Ausgangsthese der 80/20 Gesellschaft: Die Minderheit der Nachdenker und vermeintlichen Idealisten hat es verdient weiterzumachen und alles anzustrengen, damit wir in einer besseren Gesellschaftsform überleben können.
Es waren die Nichtkonformisten, die die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft weiter bewirkt haben, sonst säßen wir heute noch in den Höhlen unserer Vorfahren. Eine Gesellschaft formt sich zwar die Mitglieder, die sie braucht um in der Form zu überleben, wie die Struktur dieser Gesellschaft es verlangt, dennoch ist es für die wenigen anderen wichtig dranzubleiben, dass die Strukturen sich ändern.
Quelle: nachdenkerforum.de











11. Dezember 2009
Allgemein, Print-News, Überwachung, Weltregierung / NWO